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Gastkommentar von Adrien Kirschfink: Die DG, Belgien und Europa

22 Feb

Wenn man in den letzten Wochen und Monaten die Schlagzeilen der lokalen, nationalen und internationalen Presse gelesen hat, könnte einem eigentlich ganz mulmig zu Mute werden – wären wir da nicht alle schon ziemlich abgehärtet.

Erst ist Belgien „krank“ und es wird eine neue Staatsreform angekündigt, dann der Euro mit Rettungspaket auf Rettungspaket gerettet und jetzt wird auch noch der EU-Haushalt zusammengestrichen. Da fragt sich doch so mancher, ob es nicht besser ist, einfach den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass unsere Deutschsprachige Gemeinschaft (DG) von dem ganzen Tumult verschont bleibt?!

Wer denkt, dass wir uns hier bei uns nicht darüber sorgen sollten, macht es sich etwas einfach. Gerade in der DG sind wir von all diesen Tendenzen stark betroffen. Ob Staatsreform, Europäische Haushaltsdebatte oder die Euro-Krise… wir in der DG stecken mitten drin.

Die Devisen „Jeder für sich“ und „Gebt es den Teilstaaten und es wird schon besser funktionieren“ sind schlichtweg populistisch und falsch, denn sie sind viel zu einfach und funktionieren in dieser Form nicht.

Gerade wir Ostbelgier sollten doch wissen, wie wichtig große Strukturen sind, um die Interessen der in ihnen zusammenlebenden Gesellschaft zu unterstützen, sind doch wir die ersten Nutznießer des gemeinsamen Europas, das wir tagein tagaus „live“ erleben dürfen.

Wenn man in den letzten Tagen aber liest, dass die Bürger „europamüde“ werden und dass das europäische Projekt die Mittel gestrichen bekommt, dass in Belgien Kompetenzen an die Teilstaaten übertragen werden, die dort aus rationeller Sicht nicht hingehören (da gerade Kompetenzen wie die Gesundheitsvorsorge und die Soziale Sicherheit besser durch eine breite Masse als durch den einzelnen getragen werden) und dass auch noch viele Politiker aus der DG eine vollwertige vierte Region machen wollen, sollte man sich doch die Frage stellen dürfen: Warum?

  •  Ist es, weil die Erhaltung und Festigung der lokalen Machtbasis wichtiger wird als das Allgemeinwohl der Bevölkerung und jedes einzelnen Bürgers? Hier sollte sich jeder Politiker und vor allem jeder Bürger in der Verantwortung fühlen, nicht einfach abgedroschene Phrasen zu gebrauchen, sondern die tatsächlichen Kosten und Nutzen zu hinterfragen…
  •  Oder ist es, weil der eigentliche Mehrwert und die Aktivitäten der übergeordneten Institutionen nicht transparent und attraktiv genug vermittelt werden? Dies sollte die nationalen und europäischen Verantwortlichen, unsere Volksvertreter und Politiker – gerade diejenigen die aus der DG stammen – wachrütteln. Sie müssen dafür sorgen, dass die Kommunikation vor Ort verbessert wird und die Bürger der DG den Mehrwehrt der EU und des Nationalstaates verstehen…

Seit Jahrhunderten wissen wir, dass der Zusammenschluss kleiner Teile oft mehr ergibt als die Summe der Einzelnen. Als kleines Puzzlestück wird man zu oft zum Spielball der Großen. Die Verantwortlichen sollten vielleicht damit anfangen, darüber nachzudenken, welche Kompetenzen man bereits besitzt, bevor darüber nachgedacht wird, was man noch alles bekommen möchte und auch, ob gewisse Kompetenzen nicht besser an anderer Stelle – beim Nationalstaat oder der EU – ausgeübt werden.

Lasst uns also von Zeit zu Zeit die Lupe gegen ein Fernglas eintauschen, denn der Horizont ist viel größer als unser Tellerrand…

Zur Person:

Adrien Kirschfink ist 29 Jahre alt und stammt aus Hergenrath. Nach seinem Studium an der renommierten Wirtschaftshochschule HEC in Lüttich startete Adrien Kirschfink seine Karriere als Strategieberater bei Accenture, dem größten Managementberatungs-, Technologie- und Outsourcing-Dienstleister der Welt. Dort berät er multinationale Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und Nichtregierungsorganisationen  sowohl in Belgien als auch im Ausland. Trotz seiner Tätigkeit hat er jedoch seit jeher seine starke Bindung zur Deutschsprachigen Gemeinschaft aufrecht erhalten.

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So geht’s nicht weiter, Europa!

23 Jul

Der Journalist Ludwig Greven hat kürzlich in der deutschen Wochenzeitschrift „ZEIT“ einen immer wiederkehrenden (und vielleicht deshalb auch so einleuchtenden) Umriss einer möglichen EU der Zukunft niedergeschrieben und per Schaubild auch dargestellt.

Im Teaser heißt es – wie ich finde – sehr trefflich:

„Die EU ist ein merkwürdiges, unfertiges Gebilde: erfolgreich, unverzichtbar, von den Bürgern ungeliebt. Das ewige Projekt muss sich weiterentwickeln.“

EU-Flagge

Weiter heißt es:

„Was ist diese Europäische Union eigentlich, die früher einmal Europäische Gemeinschaft hieß, davor Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und ganz am Anfang Montanunion? Die zu Beginn 1951 aus sechs Mitgliedsstaaten bestand und ab 2013 schon 28 umfassen wird: Ein Überstaat? Eine europäische G27, bald G28? Eine Schimäre nach Art der Palästinenserbehörde, mit begrenzter, flickenhafter Autonomie, ohne Staatsgebiet und Armee, dafür mit gleich zwei Präsidenten, einem machtlosen Parlament; mit Hymne, eigener EU-Bürgerschaft und Sternenbanner, aber politisch und finanziell abhängig von anderen? …“

Greven fordert eine umfassende Reform der europäischen Institutionen, die stark dem deutschem Modell eines Bundesstaates nachempfunden ist. Ob es nach dem zähen Kampf um den Vertrag von Lissabon nochmal einmal nach so kurzer Zeit möglich ist, alle Mitgliedsländer an einen Tisch zu kriegen (erst ein großer Crash wird da meines Erachtens etwas ändern, auch wenn ich ihn nicht heraufbeschwören möchte), oder aber – wie Greven prognostiziert – ein Kerneuropa wie einst vorangehen wird, bleibt natürlich abzuwarten. Wobei Europa, und damit wir alle, mit Sicherheit nicht warten können.

Den vollständigen Artikel können Sie unter: http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-07/vereinigte-staaten-von-europa abrufen.