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ARD-Dokumentation „Sex – Made in Germany“

11 Jun

Am Montagabend hat sich wieder einmal gezeigt, dass Dokumentationen doch mehr erzählen als Tausend irre Talkshow-Runden auf ARD und ZDF zusammen. Die Rede ist von der ARD-Dokumentation „Sex – Made in Germany“, die die Süddeutsche mit „Die große Puff-Lüge“ betitelt.

Kein Sektor ist so vom Kapitalismus durchdekliniert wie der Sex-Sektor. Eine absolute Empfehlung von meiner Seite. Schaut euch den Wahnsinn an. Ein Auszug davon.

Die Betreiber solcher Orte sind längst keine tätowierten Brutalos mehr, sondern verstehen sich als Geschäftsmänner, die den Gesetzen des Marktes folgen, von Angebot und Nachfrage. Was die Männer so daherreden, wirkt wie eine schrille Parodie auf die Heilsversprechen des Neoliberalismus. Der „Pressesprecher“ eines Bordells lamentiert über staatliche Reglementierung, obwohl die Reglementierungen doch fast zur Gänze entfallen sind. Der Geschäftsführer einer Internet-Sexbörse sagt: „Wir sehen uns als Lifestyle-Marktplatz.“ Der Kunde, auch die Kundin, darf das Gebotene mit Sternen bewerten wie ein Leser ein Buch bei Amazon. Es gibt Börsen, wo der Meistbietende Sex mit Jungfrauen, Schwangeren, ohne Kondom ersteigern kann. Wenn die Prostituierte Pech hat, und die Versteigerung mangels Nachfrage mal nicht gut läuft, darf sie eine Nacht mit zwei Kerlen verbringen, die ihr dann drei Euro zahlen. All dies wäre vor 2001 mehr oder weniger illegal gewesen.“

Quelle

Hier geht es zur Seite der Doku. Sie ist noch eine Woche online verfügbar. Leider nur ab 22 Uhr.

Interview mit einem Philosophen – Ein Gespräch mit dem Kelmiser Philosophie-Dozenten Benoît Hilligsmann

3 Sep Benoît Hilligsmann

Per Definition ist das GEneration-Magazin einer Zielgruppe verpflichtet, die vielleicht die jetzigen Krisen (sei es die Finanz-, Schulden-, Eurokrise oder was danach noch kommt) noch nicht spürt, mit hoher Sicherheit aber die Suppe in den kommenden Jahren auslöffeln darf. Deswegen wollte GEneration zwei Fragen mit folgendem Interview beantworten: Was denkt ein studierter Philosoph über all das? Ein Philosoph, der zusätzlich das GEneration-Alter besitzt.

Benoît Hilligsmann ist Lehrer. Er unterrichtet Geschichte im College Notre Dame in Gemmenich. Außerdem ist der 27-Jährige seit vier Jahren als Dozent für Philosophie und Religionskunde an der Autonomen Hochschule in Eupen tätig. Wir unterhielten uns mit dem Kelmiser über das Wesen der „Krisen“ und ihre Auswirkungen auf unser Leben.

Benoît Hilligsmann

Foto: David Hagemann

 „Ich weiß, dass ich nichts weiß“

Wie kamst du zur Philosophie?

Ich habe schon immer gerne Texte interpretiert. Ich wollte stets wissen, was der Autor mit seinen Sätzen bei mir bewirken will oder bewirkt. Die Auffassungen und Gedankengänge, die beispielsweise hinter einem Schmöker wie Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“, übrigens mein Lieblingsphilosophiebuch, stehen, faszinierten mich von Anfang an. Das Buch habe ich übrigens während vier Jahren gelesen und für meine Abschlussarbeit gleich dreimal. Das ist das Schönste an der Philosophie. Es gibt nie ein Ende, man merkt, dass man nie endgültig verstanden hat.

Ähnlich also wie Goethes Faust?

Genau.

Philosophierst du oft mit Freunden?

(Benoit zögert zunächst mit seiner Antwort). Hier halte ich mich meistens zurück, weil ich nicht belehren will. Dazu habe ich nämlich kein Recht. Ich bin dann ein passiver Zuschauer und mache es wie Sokrates. Ich stelle explizite, manchmal auch gemeine Fragen nach dem Prinzip „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Denn auch das Denken will gelernt sein.

Hast du Lieblingsphilosophen?

Ja klar. Immanuel Kant, weil er die Geschichte der Philosophie revolutioniert hat, und seine Nachfolger. Ihre Fragen sind die Fragen der Neuzeit, sie haben stets Gültigkeit.

Wir haben die Finanzkrise, die Schuldenkrise und eine Eurokrise. Ist der Kapitalismus in der Krise?

Eine Krise des Kapitalismus ist es auf keinen Fall. Karl Marx hat beispielsweise gesagt, dass die Krise ein Bestandteil des Kapitalismus ist. Das System lebt davon. So haben zum Beispiel auch Kriege, die schlimmste Form einer Krise, einen kapitalistischen Effekt, nämlich Wachstum von Kriegsmaterial etc. Wir erleben meines Erachtens gerade eher eine Krise der Demokratie. Wieso werden in den Ländern Italien und Griechenland Menschen an die Machthebel gesetzt, die gar nicht demokratisch gewählt wurden? Das ist für mich eine Art Aristokratie, zumal hier jene an die Macht kommen, die fest im System etabliert sind und quasi eine Mitschuld an den jetzigen Problemen haben. Und wenn einmal jemand wie der Ministerpräsident von Griechenland das Volk fragen möchte, ob sie mit dem Spardiktat der EU einverstanden sind, bekommt er das verboten.  Meiner Meinung nach brauchen wir einen Systemwechsel. Der Kapitalismus war gut, um die Hungersnöte im 18. Jahrhundert zu bekämpfen, doch nun herrscht eine vollständige Sättigung. Wir haben mit drei Fernsehern, zwei Autos und einem Smartphone doch genug.

Und was wäre die Alternative?

Das ist natürlich eine schwierige Frage. Der Kommunismus, das haben wir mitbekommen, ist gescheitert. Jedenfalls diese Art des Kommunismus. Als Ideal kommt es aber bestimmt zurück. Man müsste vielleicht Marx neu interpretieren.

Eine andere Frage: Heute herrscht allerorts ein Klima der Angst. Wieso?

Ich möchte mit Thomas Hobbes‘ Leviathan antworten: „Die Angst ist das beste und effektivste Machtinstrument“. Durch unsere Angst verstärkt sich die Macht der Machthaber. Das hat man nicht zuletzt in den USA gesehen. Nach dem 11. September konnte George Bush jun. Folter zu einem gewissen Grad legitimieren oder mit offensichtlichen Lügen in den Irak einmarschieren. Hier werden fundamentale Menschenrechte einfach beiseitegeschoben.

Und was kann man dagegen tun?

Immer wieder aufklären. Schon von Kindesbeinen an, denn eine Politik, die auf Angst beruht, ist eine totalitäre Politik. Angst hindert uns daran, zu denken. Wir fühlen uns in einer Art Notsituation und handeln unüberlegt.

Verlieren wir unsere Demokratie also?

Ich denke ja. Die Demokratie verkraftet das nicht. Nachdem der Kapitalismus früher noch die Demokratie gebraucht hat, ist das jetzt nicht mehr der Fall. Das haben uns die Krisen gelehrt. Die Demokratie und die Menschenrechte werden weggeschoben, damit das System weiter leben kann.

Ich glaube daran, dass es einen Crash geben muss, bevor sich der Mensch ändert und es zum Systemwechsel kommt – welches System auch immer.

Das finde ich nicht. Eine Veränderung findet meines Erachtens nur dann statt, wenn das Wissen von der Existenz eines anderen Weltbildes und einer anderen Sichtweise bereits im System vorhanden ist. Das heißt Menschen, die anders wie der Otto-Normalverbraucher denken. So ist es beispielsweise auch 1917 in Russland oder 1789 während der Französischen Revolution gewesen. Die Ideen der Aufklärung gab es bereits im Absolutismus.

Haben wir dieses Wissen denn?

Nein, ich denke nicht. Wir wissen zwar, dass Kapitalismus und Kommunismus nicht funktionieren, haben aber noch keine wirkliche Alternative gefunden.

 Solange wir denken, dass keine Alternative da ist, sind wir verloren.

Wir sind also verloren?

Solange wir denken, dass keine Alternative da ist, sind wir verloren. Und durch diese Angst werden wir gezwungen, Zustände anzunehmen, die wir nicht wollen. Wir müssen uns aber die Frage stellen: Was will eigentlich Europa? Wollen wir in einer liberalisierten Welt leben, in der wir in Konkurrenz zu Indien und China stehen und dabei unser errungenes soziales System verlieren oder wollen wir ein soziales Europa aufbauen mit anderen Werten?

Da passt meine folgende Frage ja glänzend. Hast du schon einmal von der Mär des Wachstums gehört? Dass es ein Ende des Wachstums gibt?

 Davon habe ich gehört, doch das glaube ich nicht. Es wird der Technik wegen immer wieder Produkte geben, die die Gesellschaft konsumieren will. Daher glaube ich eher an die Selbstzerstörung, falls wir so weiter machen. Es gibt ja jetzt schon die Möglichkeit, „reine Luft“ in China zu kaufen.

 Brauchen wir also neue Maßstäbe? Reicht das Bruttoinlandsprodukt in Zukunft aus oder sollten wir (wie der Staat Bhutan, wo ein Recht auf Glück in der Verfassung steht) das Bruttonationalglück messen?

Das ist doch paradox. Glück kann man gar nicht messen. Ab wann ist man glücklich? Wenn man 1500 Euro auf Seite legen kann? Oder sind manche Afrikaner vielleicht glücklicher als wir?

 Und was wäre mit einem Grad der Nachhaltigkeit als neuer Indikator?

 Das ist eine interessante Überlegung, die meiner Meinung nach aber nicht vereinbar ist mit den Interessen des Kapitalismus. Während wir hier Eco-Autos fahren, wird in China ein neuer Atomreaktor hochgefahren. Wir haben zwar ein schlechtes Gewissen, dass wir die Umwelt zerstören, doch konsumieren tun wir weiter.

 Ist die Krise auch eine Art Chance?

 Das Wort Krise stammt ja komischer- oder tragischerweise aus dem Griechischen und bedeutet: Entscheiden. Wir müssen uns für etwas Neues entscheiden. Es wird nämlich negative Folgen haben, wenn wir so weitermachen. Ich bin für Europa. Aber bitteschön kein Neoliberales!

Doch eine Änderung wird nicht ohne Verluste stattfinden…

Genau. Wenn wir unser System ändern möchten, dann müssen wir uns auch mit den negativen Folgen auseinandersetzen. Es gibt keine großen Veränderungen ohne Verluste. Allerdings werden uns die Verluste im Nachhinein als sinnlos erscheinen. Wir klammern uns in dem Moment und finden den Verlust schrecklich. Anschließend kann er uns aber auch als erleichternd vorkommen. Das kann man durchaus mit dem Beenden einer nicht intakten Beziehung gleichsetzen. Desto länger man wartet, desto schlimmer wird es.

Erleben wir denn auch eine Sinnkrise?

Um unsere Lage zu verstehen, können wir auf Platon und seine Seelentheorie zurückgreifen. Laut Platon ist seine Seele in drei geteilt. Oben ist der Kopf mit der Vernunft, während sich in der Mitte die Brust (der Mut) und unten der Unterleib, der die Lust in sich trägt. Platon benutzt das Bild eines Pferdegespanns. Ein Pferd besitzt Mut, das andere hingegen die Lust. Der Reiter, der Kopf, hat die Vernunft und lenkt das Gespann in die richtigen Bahnen. Die Frage, die Platon stellt, ist: Wer soll nun regieren? Der Mut, dann fährt das Gespann die ganze Zeit gerade aus. Oder die Lust, dann dreht sich das Gespann im Kreis. Bleibt also nur noch die Vernunft. Sie trifft Entscheidungen, die allgemeingültig sind. Der Kopf zügelt die Brust und den Unterleib. Heute allerdings ist diese Pyramide auf den Kopf gestellt. Die Lust hat die überhandgenommen. Das beste Beispiel ist unser Konsumverhalten. Früher wurde den Kindern stets gesagt: Du darfst nicht! Heute lautet die Devise: Du sollst (genießen)! Man wird wahrlich gezwungen, zu genießen. Du musst in Urlaub fahren, du musst zum Fitness. Als Lehrer muss man die Schüler zum Spaß haben motivieren. Man muss Lust empfinden beim Lernen. Werden wir nicht dadurch lustlos? Das ist nämlich das Paradoxe. Wir hatten noch nie so viele unmotivierte Schüler und noch nie hat die Pädagogik sich so auf die Motivation der Schüler fixiert. Das Lustigste an der ganzen Sache ist aber die Lösung des Problems: Dann soll man eben die Schüler noch besser motivieren. Wir machen aus Schülern Konsumenten, ohne dass das uns bewusst ist.

Es gibt auch eine anthropologische Sichtweise auf das Ganze. Wir werden eine Ware ohne Substanz, ähnlich wie Cola ohne Zucker, Sahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol etc. Wir sind Mensch, ohne Mensch zu sein, d.h. wir werden nicht mehr verantwortlich für unser Tun, wir werden Gespenster ohne Substanz und hegen ein substanzloses Dasein.

Gibt es auch eine Krise der Philosophie? Gilt das Fach nicht als out?

Ganz im Gegenteil ! Ich glaube die Philosophie, verstanden als „die Kunst sich Fragen zu stellen“, wird in dieser Krisenzeit einen immer wichtigeren Platz in unserer Gesellschaft einnehmen. Die Philosophie besteht darin, die Probleme so zu stellen, dass man sie aus einer anderen Perspektive betrachtet, um das Wesen der Situation zu verstehen. Und genau das brauchen wir heute, neue Perspektiven, neue Denkmöglichkeiten. Gerade in Krisenzeiten, gilt es vor allen Dingen, die Probleme sorgfältig zu analysieren und die wahren Gründe der Krise zu identifizieren. Würde morgen die Sonne untergehen, so wäre die Philosophie absolut sinnlos, wir hätten ja schon die wahren Gründe des Ereignisses vor Auge.

Zum Abschluss bitte nur kurze und prägnante Antworten: Wie lauten deine Lieblingsphilosophen?

Schopenhauer, Kant, Slavoj Zizek

Und dein Lieblingszitat?

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.“ (Rousseau)

Dein Lebensmotto?

„Werde, der du bist“ (aus den Pythischen Oden)

Haben es Philosophen im Leben eigentlich schwerer?

Ja, das denke ich schon. Man muss aufpassen, dass man nicht vergisst, das Leben auch zu leben, anstatt nur darüber nachzudenken (lacht).

Dieser Artikel ist in der September-Ausgabe des GEneration-Magazins erschienen. Das Foto hat David Hagemann geschossen.